„Wir machen Förderschulen zukunftsfähig“

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Dr. Peter Pahmeyer ist direkt gewähltes Kreistagsmitglied aus Detmold und Vorsitzender des Ausschusses für Bildungsentwicklung, Sport und ebenso des Betriebsausschusses Schulen.

Dr. Peter Pahmeyer (SPD) ist froh über die Entscheidung des Kreises

Kreis Lippe. Dr. Peter Pahmeyer ist direkt gewähltes Kreistagsmitglied aus  Detmold und Vorsitzender des Ausschusses für Bildungsentwicklung, Sport und ebenso des Betriebsausschusses Schulen. Über die Entscheidung des Kreistages zur Entwicklung der Astrid-Lindgren- und Christian-Morgenstern-Förderschulen ist er sehr erfreut.

 

Frage: Herr Pahmeyer, wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis zur Zukunft der beiden Förderschulen?

Pahmeyer: Ich bin mehr als glücklich über die Beschlüsse, die im Verbund mit bereits getroffenen Entscheidungen auch diese Förderschulen des Kreises zukunftsfähig machen werden. Damit haben wir in Lippe auch einen landesweit interessanten bildungspolitischen Akzent gesetzt. Über den Bedarf nach Förderschulen gibt es im Parlament ohnehin  breite Übereinstimmung. Der Kreis hatte für die von ihm betriebenen  Förderschulen im Vorfeld ein fundiertes Gutachten mit eben diesem Ergebnis in Auftrag gegeben.

Frage: Wie schwierig war es im Ausschuss und im Kreistag eine Mehrheit für die Projekte zu erlangen? Immerhin ging es dabei um Bauinvestitionskosten im zweistelligen Millionenbereich.

Pahmeyer: Genau geht es um 29, 13 Mio. €. Die Beratungen sind sehr konstruktiv verlaufen. Man hatte immer das Gefühl, dass alle Beteiligten die bestmöglichen Entscheidungen für die Kinder und Jugendlichen suchen. Im Ausschuss haben wir uns einstimmig und im Kreistag ohne Gegenstimmen für die Aus- und Neubauten entschieden. Ich bin mir sicher, dass wir das nicht hinbekommen hätten, wenn Politik, Verwaltung, Gutachter, Schulleitungen und Eltern nicht äußerst kompromissbereit zusammengearbeitet und im Hinblick auf die Kosten um die Funktion eines jeden Quadratmeters Nutzfläche gerungen hätten. Schließlich waren die geschätzten Kosten im Zuge der ersten Planungsphase noch um über 5 Mio € höher ausgefallen. Für die Bereitschaft und Fähigkeit, sich in andere Perspektiven hineinzuversetzen,  möchte ich allen Beteiligten ein großes Lob aussprechen. Schließlich wächst das Geld in Lippe nicht auf Bäumen. Ein so großer Konsens ist nicht selbstverständlich. Der Kreis Lippe ermöglicht damit unaufgeregt und pragmatisch inklusive Strukturen.

Frage: Was ist Ihrer Meinung nach so zukunftsweisend an den Entscheidungen?

Pahmeyer: Die Astrid-Lindgren-Schule erhält für ihre Berufspraxisstufe den Neubau eines Berufsförderzentrums mit zentraler Mensa auf dem so genannten ‚Innovation Campus‘ in Lemgo. Sie kommt damit heraus aus einer Randlage. Veranschlagt sind dafür 9,83 Mio €.   Die Kosten für eine Renovierung des alten Gebäudes in Leese wären ohnehin unverhältnismäßig hoch gewesen. Schon Jahre haben sich neben der Verwaltung die zuständigen Gremien im Kreis damit beschäftigt.  Wir versprechen uns durch den Umzug für die betroffenen Mädchen und Jungen mehr gesellschaftliche Teilhabe. Inklusion braucht Raum für Begegnung, denn die passende Umgebung und das Raumkonzept sind entscheidende Voraussetzungen, um erfolgreich in der Schule gemeinsam lernen, lehren und leben  zu können. Durch die Nachbarschaft zu den Regelschulen schaffen wir Bedingungen, gelebte Kooperation völlig verschiedener Schulformen reifen zu lassen. Das Berufsförderzentrum ist so in direkter Nachbarschaft u.a. zum Lüttfeld Berufskolleg positioniert. Da ergeben sich ganz natürlich Synergien. Am Vogelsang in Lemgo kann nun der Neubau der Astrid-Lindgren-Schule mit Sporthalle und Lehrschwimmbad entstehen, dies  in direkter Nachbarschaft zur Karla Raveh-Gesamtschule. Die Schulen können zukünftig vereinbarte Räume gemeinsam nutzen. Für den Neubau und die Flächenerweiterung für die Gesamtschule des Kreises wurden von der Verwaltung ca. 19,3 Mio. € Baukosten geschätzt.  Für rund 1,2 Mio. € muss zunächst das erforderliche Grundstück am Vogelsang von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben erworben werden. Angedacht sind auch gemeinsame Projekte zwischen den neuen Schulnachbarn.  Diese neue Art der Zusammenarbeit und der Begegnung macht für mich die Besonderheit und das Zukunftsweisende aus. Gut gelebte Inklusion bedeutet für mich, dass sich die Kinder mit und ohne Handicap im Schulalltag viel häufiger begegnen, dass die Lehrkräfte, die Schulleitungen, die Erziehungspartner und das nicht pädagogische Personal  über die Grenzen verschiedener Schulformen hinweg sinnvoll miteinander kooperieren. Dabei dürfen die spezifischen Bildungs- und Leistungsansprüche der kooperierenden Schulformen nicht vernachlässigt werden. Inklusion braucht diesen Raum und – ich betone das ausdrücklich – Inklusion braucht Zeit, viel Zeit, damit  realisierbare Konzepte der Begegnung von den Betroffenen situationsgerecht entwickelt und aus Überzeugung angenommen werden können. Mit der Brechstange maximaler Quotenziele, mit einer  gerade im ländlichen Raum forcierten Ausdünnung des Förderschulangebotes oder mit ideologisch überhöhten Inklusionsbekenntnissen geht das schief.

Frage: Wenn Sie finden, dass gute schulische Inklusion unter anderem von Begegnungen und vom Miteinander von Kindern mit und ohne Handicap lebt, warum hat sich der Kreistag dann auch für die Erweiterung der Christian-Morgenstern-Schule entschieden? Die Förderschule liegt doch nicht in direkter Nähe zu anderen Schulen.

Pahmeyer: Das stimmt. Die Christian-Morgenstern-Schule für jüngere Schüler im Primarbereich und auch die Fürstin Paulinen-Schule für Schüler der Sekundarstufen sind in Detmold ansässige Förderschulen des Kreises, die nicht in unmittelbarer Nähe zu einer Regelschule liegen. Hier gaben wir grünes Licht für eine räumliche Erweiterung der bislang für 11 Kinder ausgelegten Klassenräume. In Folge des Schulrechtsänderungsgesetzes 2014 besuchen nun jeweils bis zu 17 Kinder die zu klein gewordenen Klassenräume. Kosten:  2,2 Mio. €. Dies war bereits Ende Mai im Ausschuss und anschließend im Kreistag beschlossen worden. Die Nachfrage nach Plätzen wird an der Schule mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung entgegen dem demografischen Trend  größer. Es gibt Wartelisten. Eltern entscheiden sich vielfach ganz bewusst dafür, dass ihre Kinder an der Förderschule unterrichtet werden. Die Entscheidungsfreiheit sollen Eltern auch weiterhin haben. Und ich finde, es war auch sehr sinnvoll, dass wir im Parlament des Kreises für die Fürstin-Paulinen-Schule mit 700 000 € im vergangenen Jahr den durch die Ausweitung in den Ganztag notwendig gewordenen Umbau des Dachgeschosses in eine mulitifunktional nutzbare Mensa beschlossenen haben.  Übrigens plus barrierefreiem Zugang durch einen auch der Essensversorgung durch die Verteilerküche dienendem Aufzug. Die Umsetzung der Inklusion in NRW ist unter Schulministerin Löhrmann nicht immer glücklich verlaufen.

Frage: Inwiefern?

Pahmeyer: So wurden Regelschulen und den betroffenen Eltern, Lehrern und Schülern mit und ohne Förderbedarf zuweilen sicher gut gemeinte, jedoch administrativ unglücklich umgesetzte Regelungen und Mindestgrößenverordnungen übergestülpt, die den Ansprüchen inklusiver Schulentwicklungen nicht immer gerecht wurden. Inklusion ist eine so sensible Angelegenheit, da muss mit Augenmaß vorgegangen werden. Viel hilft nicht immer viel. Entgegen mancher Blütenträume wird es so sein, dass weiterhin Schulen mit verschiedenen Förderbedarfen bestehen bleiben und Eltern und Kinder die Wahl haben, auf welche Schule ein Kind geht.

Frage: Der Erhalt von Förderschulen ist für Sie und die lippische SPD also wichtig?

Pahmeyer: Auf jeden Fall. Die SPD-Kreistagsfraktion und ich befürworten die Wahlfreiheit für Eltern und Kinder. Mit der Entscheidung des Kreistags die Förderschulen auszubauen und aufrecht zu halten sichern wir gleichermaßen die Qualität der Arbeit von Förder- und Regelschulen. Für die Kinder und deren Eltern ist es wichtig, dass sie sich einer  breiten parlamentarischen Unterstützung in Lippe sicher sein können. Wir wollen Inklusion durch Begegnung auf Augenhöhe vorantreiben.  Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die Kompetenzen in bestimmten kooperationsfähigen Förderschwerpunkten im Kreis systematisch gebündelt werden. Es wäre doch vor dem Hintergrund der prekären Lage der kommunalen Haushalte ein Wahnsinn, wenn jede Kommune für alle Förderbedarfe das Rad neu erfinden müsste.  Pädagogische Kooperation zwischen Förder- und Regelschulen lassen sich besonders in Schulzentren auch über Schulträgergrenzen hinweg gut verwirklichen. Solche Zugänge gibt es z.B. in Horn-Bad Meinberg. Man muss es nur wollen. Die Förderschule „Schule am Teutoburger Wald“ in Trägerschaft des Kreises entwickelte bereits ein erfolgreiches Kooperationsprojekt in Partnerschaft mit dem  nahe gelegenen Gymnasium in städtischer Trägerschaft. Baukosten: Keine.

Frage: In Zeiten knapper Kassen von Kreisen und Kommunen hat sich der Kreis Lippe mit den Bauten in Millionenhöhe ganz schön was vorgenommen. Wie will der Kreis die Kosten erfolgreich stemmen?

Pahmeyer: Mit rund 30 Millionen Euro Investitionen sind die Vorhaben sicherlich derzeit eines der ambitioniertesten Projekte in Lippe. Mit der Investition in Bildung investiert der Kreis jedoch in die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, von daher ist das Geld gut investiert. Wichtig ist selbstverständlich ein extrem strenges Kostencontrolling, damit der vorgegebene Kostenrahmen nicht überschritten wird. Das Controlling wird über den Kreis erfolgen, außerdem ist weiterhin der Gutachter im Boot, der im Vorfeld eine Machbarkeitsstudie erstellt hatte. Im Eigenbetrieb Schulen gibt es unter der Leitung von Klaus Kuhlman ein kompetentes Team, das sich im Verbund mit dem Kämmerer, der Rechnungsprüfung des Kreises, der Rechenschaftslegung gegenüber unseren parlamentarischen Gremien und nicht zuletzt unter Aufsicht unseres Landrates sowie der medialen Öffentlichkeit sowohl seiner rechtlichen Verpflichtung als auch seiner fachlichen Verantwortung zur Kostenkontrolle sehr bewusst ist.

Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Förderschulen in Lippe?

Pahmeyer: Ich fände es toll, wenn wir es schaffen würden, Lippe zu einer Modellregion beim Thema schulische Inklusion zu machen. „Kooperative Schulentwicklung über Begegnung“ könnte dabei das Motto sein. Und ich wünsche mir, dass das Land zukünftig diese Ideen nutzt und fördert.  Durch den Ausbau von Kooperationen aller Schulformen würden soziale Beziehungen unter Schülern wachsen, wir würden die Basis schaffen, dass Freundschaften über die Schulhofgrenzen hinaus entstehen. Konkurrenzdenken zwischen Schulen könnte verringert werden und die starre schulische Inklusion würde über die Form der breiten Begegnung vielfältiger, ungezwungener und letztlich nachhaltiger werden. Macht das nicht mehr Sinn, als einzelne Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Förderbedarfen zuweilen dilettantisch vorbereitet und personell unterversorgt Regelschulklassen zuzuweisen? Was hat das mit Inklusion zu tun, wenn z.B. Kinder mit dem Förderbedarf Lernen den Gymnasien als Orten des gemeinsamen Lernens zugewiesen werden, obwohl deren Eltern ausdrücklich andere und schon ‚überbuchte‘ Förderorte für ihre Kinder wünschten? Wir wollen doch gerade für die Kinder erreichen, dass sie sich ihrer Potenziale bestmöglich bewusst werden und diese  entfalten können. Wir brauchen wirklich mehr Phantasie in diesem Bereich und sollten nicht den dritten vor dem ersten Schritt tun, denn sonst gerät die Inklusion ins Stolpern. Noch einmal mein Plädoyer: Das Land sollte Modelle räumlich kooperierender Regel- und Förderschulen fördern. Außerdem sollten zudem ‚time out‘ – Versuche gestartet werden, d.h., dass z.B. Kinder mit dem Förderschwerpunkt ‚emotionale und soziale Entwicklung‘ nur vorübergehend Förderschulen besuchen und immer wieder von den Fachleuten an möglichen Übergängen in die Regelschule gearbeitet wird.

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